Materialbereitstellung als Verfügbarkeitsfaktor – cts Group Blog
Josef Höving
Josef Höving, cts Group
Sales Manager Fertigungsautomatisierung · · 8 Min. Lesezeit

Materialbereitstellung: der unterschätzte Verfügbarkeitsfaktor

Der Wechseltisch ist schnell getauscht. Teuer wird der Rüstprozess davor und danach – beim Suchen, Nachrüsten, Klären und Warten. Warum die Verfügbarkeit einer SMT-Linie in der Vorrüstung entschieden wird, nicht an der Maschine.

Wenn über Rüstzeit gesprochen wird, denken die meisten an den Moment des Wechsels: alter Wechseltisch raus, neuer rein. Genau dieser Moment ist in der Praxis oft der kürzeste Teil. Die Zeit geht woanders verloren – vorher und nachher.

Die Rüstzeit zählt in der OEE-Systematik als Verfügbarkeitsverlust. Sie ist die Spanne vom letzten guten Teil des einen Auftrags bis zum ersten guten Teil des nächsten. In dieser Spanne produziert die Linie nichts, während die Kosten weiterlaufen. Wer sie verkürzen will, muss zuerst verstehen, wo sie tatsächlich entsteht – und dass Verfügbarkeit ein Linienergebnis ist, kein Maschinenwert.


Wo die Zeit im Rüstprozess wirklich verloren geht

Der reine Wechsel des Wechseltischs ist meist relativ kurz. Die großen Zeitverluste entstehen zwischen Vorrüstung und Linie – dann, wenn die Bereitstellung nicht vollständig ist:

Zeitfresser

Unvollständige Picklisten

Bauteile müssen noch gesucht oder gezählt werden, weil die Liste nicht stimmt oder Restmengen unklar sind.

Zeitfresser

Fehlende Feeder

Der passende Feeder ist nicht vorbereitet. Nachrüsten mitten im Rüstvorgang kostet Zeit und bindet Personal.

Zeitfresser

Falsch bereitgestellte Gebinde

Material ist da, aber im falschen Gebinde, am falschen Ort oder ohne eindeutige Zuordnung. Wo welcher Materialträger hingehört, ist selbst eine Entscheidung.

Zeitfresser

Unklarer MSD-Status

Feuchtigkeitsempfindliche Bauteile ohne eindeutigen Status und Offenzeit blockieren den sauberen Start.

Allen gemeinsam ist: Sie haben mit der Maschine nichts zu tun. Sie entstehen beim Nachrüsten, Klären, Scannen und Kontrollieren – und vor allem durch fehlende Synchronisation zwischen Vorrüstung, Materiallager und Linienstart.

Der Kern: Die größte Wirkung entsteht nicht durch schnelleres Wechseln, sondern durch weniger Suchen, Nachrüsten, Klären und Warten. Wer nur den Wechselvorgang optimiert, optimiert den kürzesten Teil.

Internes und externes Rüsten: das Prinzip dahinter

Die Lean-Methodik trennt zwei Arten des Rüstens: internes Rüsten passiert, während die Maschine steht. Externes Rüsten passiert, während sie noch läuft. Jede Tätigkeit, die sich vom internen ins externe Rüsten verlagern lässt, verkürzt den Stillstand direkt.

Genau das ist die Aufgabe des Vorrüstbereichs. Er ist der Puffer vor der Linie, in dem Wechseltische, Feeder, Gebinde, Picklisten und MSD-Stati vollständig vorbereitet werden, bevor die Linie den Auftrag braucht. Ist die Vorrüstung synchron, wird der eigentliche Wechsel kurz. Ist sie es nicht, steht die laufende Linie – trotz technisch verfügbarer Maschinen. Ob dieser Puffer liniennah oder zentral organisiert wird, ist dabei eine Frage des passenden Lagersystems.

Die Rolle der Rüstfamilien

Rüstfamilien fassen Aufträge mit ähnlichem Material- und Feeder-Setup zusammen. Der Effekt: weniger Feeder-Tausch, weniger Bauteilsuche, weniger neu zu prüfende Setups. Schlecht geplante Rüstfamilien kehren das um – dann entsteht Verfügbarkeitsverlust durch Warten, Nachrüsten und Klären, obwohl technisch alles bereitstünde.


MSD-Handling: wenn Material zum Qualitätsrisiko wird

Ein Sonderfall der Bereitstellung sind feuchtigkeitsempfindliche Bauteile (Moisture Sensitive Devices, MSD). MSD-Handling bedeutet, diese Bauteile kontrolliert zu lagern, zu entnehmen, zu verarbeiten und bei Bedarf wieder zu trocknen. Entscheidend sind vier Punkte: Trockenlagerung, ein eindeutiger Gebindestatus, der Start der Offenzeit beim Öffnen der Verpackung und die Rückführung in geeignete Lagerbedingungen.

⚠ Wenn Offenzeiten nicht überwacht werden

Bauteile können beim Reflow Feuchtigkeit ausgasen. Die Folge sind Delamination, Popcorning, Mikrorisse oder spätere Feldausfälle. Es entsteht nicht nur Ausschuss, sondern ein Traceability- und Qualitätsrisiko – ein Fehler, der oft erst beim Kunden sichtbar wird.

MSD-Handling ist damit kein reines Logistikthema, sondern ein direkter Hebel auf die Qualitätsrate – und über den Ausschuss zurück auf die OEE.


Warum ERP an der SMT-Materiallogistik scheitert

Viele Betriebe fragen: „Wir haben doch ein ERP, warum reicht das nicht?" Die Antwort liegt in der Granularität. ERP-Systeme bilden Material meist auf Artikel, Lagerort und Bestandsmenge ab. In der SMT-Fertigung ist das zu grob, weil jedes einzelne Gebinde einen eigenen Status trägt.

Was das ERP sieht Was die SMT-Linie zusätzlich braucht
Artikel ist auf Lager Gebinde-Status: Rolle, Tray oder Stick, mit eindeutiger ID
Bestandsmenge gesamt Restmenge je Gebinde und Echtzeitbestand auf Gebindeebene
Lagerort Feeder-Zuordnung und Linienbezug: wo ist das Gebinde im Prozess?
Material vorhanden Rüstbereitschaft: gezählt, freigegeben, zur richtigen Zeit an der Linie
MSD-Zustand und Offenzeit je Gebinde

Ein ERP weiß oft, dass Material vorhanden ist – aber nicht, ob es physisch rüstbereit, gezählt, freigegeben und rechtzeitig an der Linie ist. Was es braucht, ist eine SMT-nahe Materialsteuerung mit Gebinde-Traceability, Echtzeitbestand, Picklistenlogik und MSD-Überwachung, angebunden an MES, Lagerautomat, Vorrüstung und Linie.

Wichtig für die IT-Einbindung: Das ERP wird nicht ersetzt, sondern ergänzt. Es bleibt für die kaufmännische Sicht die führende Instanz. Die SMT-Materialsteuerung liefert die Prozesssicht auf Gebindeebene – über offene Schnittstellen, damit beide Welten konsistent bleiben.

Was realistisch erreichbar ist

Die ehrliche Antwort auf die Frage nach dem Effekt: spürbare Verbesserungen, aber keine pauschale Wunderzahl. Wenn Picklisten stimmen, Material vollständig vorkommissioniert ist, Feeder vorbereitet sind und MSD-Status sowie Restmengen vor dem Linienstart klar sind, lässt sich die rüstbedingte Wartezeit deutlich senken.

Plausibler Zielkorridor: 20 bis 40 Prozent weniger rüstbedingte Wartezeit, je nach Ausgangslage. Bei stark manuellen oder schlecht synchronisierten Prozessen kann der Effekt höher liegen. Der Hebel ist nicht das schnellere Wechseln, sondern das Vermeiden von Suchen, Nachrüsten, Klären und Warten.

Diese Größenordnung ist bewusst als Korridor formuliert, nicht als Versprechen. Wie viel am Ende erreichbar ist, hängt davon ab, wie manuell und wie unsynchronisiert der Prozess heute läuft. Genau das lässt sich vorab bewerten.

Fazit: Verfügbarkeit entsteht vor der Linie

Materialbereitstellung ist kein Nebenprozess der Fertigung, sondern ein direkter Verfügbarkeitsfaktor. Die Linie steht nicht, weil eine Maschine ausfällt, sondern weil Material, Feeder, Pickliste oder MSD-Status nicht rechtzeitig und vollständig bereitstehen. Wer die Vorrüstung synchronisiert, die Bereitstellung sauber aufsetzt und die Materialsteuerung SMT-gerecht abbildet, gewinnt Verfügbarkeit an genau der Stelle, an der sie sonst leise verloren geht.

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