Industrial Data Fabric: Was sie ist und was sie wirklich bringt
Florian Seidl
Florian Seidl, cts Group
BU Manager Industrieinformatik · · 8 Min. Lesezeit

Industrial Data Fabric: Was sie ist, was sie nicht ist — und was sie wirklich bringt

„Industrial Data Fabric" ist einer dieser Begriffe, die alles und nichts bedeuten. Bevor wir darüber reden, was so eine Schicht kann, lohnt die unbequemere Frage: Was ist sie eigentlich — und, mindestens ebenso wichtig, was ist sie nicht?

Jeder Anbieter meint etwas anderes, wenn er „Data Fabric" sagt. Daraus entsteht ein guter Teil der Verwirrung in Datenprojekten — und mancher Fehlkauf. Beginnen wir deshalb mit der Definition.

Kurz gesagt ist eine Industrial Data Fabric (IDF) eine Fundament- und Konnektivitätsschicht zwischen OT (Operational Technology, die Technik der Produktion) und IT (Information Technology). Sie macht aus fragmentierten Produktionsdaten eine zusammenhängende, kontextualisierte Schicht. Kein neues System obendrauf — eine Schicht darunter.

Klingt abstrakt? Am schärfsten wird das Bild über die Abgrenzung. Deshalb zuerst das, was eine IDF ausdrücklich nicht ist.

Was sie nicht ist

Abgrenzung 1

Kein Prozessleitsystem

Sie ist kein klassisches OT-System, kein SCADA (Supervisory Control and Data Acquisition), keine SPS/PLC und kein DCS (Distributed Control System). Sie steuert und regelt den Prozess nicht.

Abgrenzung 2

Kein MES

Sie ist kein Manufacturing Execution System. Sie führt keine Fertigungsaufträge aus und ersetzt die Ausführungsebene nicht.

Abgrenzung 3

Keine HMI-Schicht

Sie ist keine klassische Bedienoberfläche (HMI, Human-Machine-Interface) wie bei SCADA. Visualisierung ist möglich — aber sie ist nicht der Kern.

Abgrenzung 4

Kein bloßer Historian

Ein Historian speichert Werte; eine IDF verbindet und kontextualisiert sie und stellt sie systemübergreifend bereit.

Und sie ersetzt keines dieser Systeme. Sie legt sich nicht über sie, sondern darunter. Wer Ihnen eine „Data Fabric" verkauft, die den Prozess steuert oder das MES ablöst, verkauft etwas anderes.

Was sie ist

Ihr Kern ist eine reine Konnektivitätsschicht: Messaging, Datenempfang, Interconnectivity. Ein Fundament zwischen IT und OT — kein Ersatz für eines von beiden. Aus dieser Rolle folgen ein paar Eigenschaften, die eine belastbare IDF ausmachen:

Eigenschaft

Herstellerneutral

Keine eingebaute Cloud-Abhängigkeit, keine Bindung an einen einzelnen Anbieter. Sie bleibt offen für den vorhandenen Systembestand.

Eigenschaft

Zentral verwaltet, dezentral betrieben

Autonome Instanzen je Standort, technisch selbstständig — verbunden zu einer zentralen Ebene. Ein System unternehmensweit, statt vieler Inseln.

Eigenschaft

Erweiterbar

Wo eine native Standardschnittstelle fehlt, liest ein eigener Treiber. Skripting (etwa in Lua) auf jeder Komponente normalisiert Daten schon an der Kante.

Eigenschaft

Für Enterprise-Maßstab gebaut

Konnektivität über viele Quellen und Standorte, ohne zusätzliche Werkzeuge — mit einem Web-Toolset für Visualisierung und Apps obendrauf.

Tools wie AspenTech inmation setzen dieses Prinzip um. Aber die IDF ist ein Architekturmuster, kein Produkt — welches Werkzeug es umsetzt, entscheidet der Bestand, nicht die Marke. cts arbeitet hier bewusst systemunabhängig.

Was sie kann

Der praktische Unterschied liegt im Verbindungsmodell. Statt jede Verbindung einzeln zu bauen — MES an Prozessleitsystem, Linie an Cloud, Standort an Standort — entsteht eine Schicht, über die diese Verbindungen standardisiert laufen. Eine IDF kann als Übersetzungs- und Standardisierungsschicht wirken: Sie übersetzt eine Standard-Nachricht in das, was das jeweilige Zielsystem versteht.

Der Effekt zeigt sich weniger im ersten Schritt als in jedem weiteren:

1
Die erste Anbindung kostet Aufwand. Die Schicht muss stehen, das Setup braucht Zeit — daran führt kein Weg vorbei.
2
Jede weitere wird schneller. Die nächste Datenquelle, die nächste SPS, die nächste Cloud-Verbindung greift auf Vorhandenes zurück — Templatisierung und Wiederverwendung.
3
Der Effekt potenziert sich über Standorte. Sobald die Schicht existiert, lässt sich OT-Konnektivität standortübergreifend herstellen — ohne Historian und MES pro Standort zu duplizieren.

Was sie bringt

Der eigentliche Nutzen ist kein einzelner Wert, sondern eine Verschiebung: weg von einmaliger, manueller Integrationsarbeit — hin zu einem skalierbaren, wiederholbaren Modell, das jeden weiteren Use Case beschleunigt.

Dort, wo sich dieser Effekt messen ließ, ist er allerdings deutlich:

≈ 2,5×

schnellere Lieferung neuer Use Cases in einem Pharma-Projekt — Vergleich eines Projekts von 2025 mit einer Referenz von 2020, nach Aufbau der gemeinsamen Konnektivitätsschicht. [FREIGABE ERFORDERLICH: Zahl aus der AspenTech-Optimize-2026-Präsentation. Vor externer Nutzung von Florian Seidl bestätigen lassen — inkl. Methodik-Fußnote (2025-Projekt vs. 2020-Referenz). Bis dahin nicht veröffentlichen.]

Und damit es ehrlich bleibt: Die erste Implementierung braucht Zeit und Setup. Der Gewinn liegt in der Wiederholung, nicht im ersten Schritt. Wer nur einen einzigen Datenpunkt einmal anbinden will, für den lohnt der Aufwand nicht.

Nach 18 Jahren auf der OT-Seite — mit SPS, Prozessleitsystemen und Datenintegration — und rund zehn Jahren mit Konnektivitätssoftware bin ich an einem Punkt angelangt, der für einen Techniker fast unbequem ist: Die Technik ist nicht mehr der Engpass. Sie existiert längst.

Was fehlt, ist selten die Fähigkeit — sondern jemand, der den Weg schon gegangen ist. Viele Hürden, die vor Jahren schwer waren, sind heute leicht, weil sie in anderen Projekten bereits gelöst wurden. Man muss nicht bei null anfangen. Und ehrlich gesagt finde ich das die interessantere Nachricht als jede Funktionsliste.

Wann sie sich lohnt — und wann nicht

Eine IDF ist nicht für jeden der richtige Weg. Für eine einzelne, abgeschlossene Integration oder eine überschaubare Systemlandschaft ist sie überdimensioniert. Ihren Wert entfaltet sie dort, wo Daten über viele Systeme und mehrere Standorte hinweg zusammenkommen müssen — und wo jeder weitere Use Case auf demselben Fundament aufsetzen soll.

Aus der Praxis: Der schnellste Weg, eine „Data Fabric" im Angebot zu prüfen, ist die Frage nach dem, was sie nicht tut. Steuert sie den Prozess? Ersetzt sie das MES? Dann reden wir nicht über eine Fundamentschicht, sondern über ein weiteres System obendrauf — und die Silo-Frage von vorn.

Der Begriff wird weiter unscharf verwendet werden — daran ändert kein Blogbeitrag etwas. Aber Sie haben jetzt den Test dafür. Wo bei Ihnen die Grenze zwischen „Fundament" und „noch ein System" verläuft, lässt sich am besten am konkreten Fall klären. Genau das tun wir in Berlin.

Weiterlesen · Teil 5 der Serie

Was die Daten wussten, bevor der Techniker es wusste

Von der Theorie in die Anlage: konkrete Fälle, in denen aus verbundenen Daten spürbarer Nutzen wurde.

Zum Beitrag →

Wir sprechen darüber auf der Pharma MES Europe 2026

cts Group und Xenium AG zeigen in Berlin, wann eine Industrial Data Fabric trägt — und wann ein einfacherer Weg der bessere ist.

Termin am Stand vereinbaren