Digitale Freigabescheine in der Produktion – cts Group Blog
Harald Niedermayr
Harald Niedermayr
Industrieinformatik · · 9 Min. Lesezeit

Digitale Freigabescheine in der Produktion: So funktioniert die Ablösung papierbasierter Prozesse

In Chemiebetrieben, Raffinerien und Pharmafabriken hängt die Sicherheit von Freigabescheinen ab. Das Problem ist nicht die Idee dahinter – sondern das Papier, das sie trägt.

Bevor ein Wartungstechniker in einer Chemieanlage an einer Rohrleitung arbeitet, braucht er einen Erlaubnisschein. Bevor eine Reinigungscrew einen Tank betritt, muss ein Freigabeschein vorliegen. Bevor ein Fremdfirmen-Monteur Schweißarbeiten beginnt, braucht er eine geprüfte, unterzeichnete Genehmigung – mit Angaben zu Schutzgasen, Löschmitteln und dem Zustand der Anlage.

Diese Genehmigungsprozesse – im Industrieumfeld als Erlaubnisscheine oder Freigabescheine bekannt – sind gesetzlich vorgeschrieben, sicherheitskritisch und unverzichtbar. Ihr Ablauf sieht in den meisten Betrieben aber noch genauso aus wie vor dreißig Jahren: Formular ausdrucken, handschriftlich ausfüllen, physisch unterschreiben, im Büro ablegen, nach der Arbeit wieder einsammeln.

Was dabei auf der Strecke bleibt: Geschwindigkeit, Rückverfolgbarkeit und Rechtssicherheit. Dieser Artikel erklärt, wie die Digitalisierung dieses Prozesses in der Praxis funktioniert – und welche Anforderungen dabei zwingend erfüllt sein müssen.

Was ist ein Freigabeschein – und wofür braucht man ihn?

Ein Freigabeschein (auch: Arbeitserlaubnisschein, Permit to Work) ist ein formales Dokument, das bescheinigt, dass eine bestimmte Arbeitsaufgabe an einem definierten Ort unter definierten Bedingungen durchgeführt werden darf. Er legt fest, wer die Arbeit ausführt, welche Schutzmaßnahmen getroffen wurden, wer die Verantwortung trägt – und für welchen Zeitraum die Erlaubnis gilt.

In der Prozessindustrie betrifft das vor allem Arbeiten in explosionsgefährdeten Bereichen (ATEX-Zonen), Heißarbeiten wie Schweißen und Brennschneiden, Arbeiten in engen Räumen (Behältern, Tanks, Schächten), Tätigkeiten an unter Druck stehenden Anlagen sowie Fremdfirmeneinsätze innerhalb des Betriebsgeländes.

Rechtlicher Rahmen: Die Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV), die DGUV-Regel 113-004 für enge Räume, ATEX-Richtlinien (2014/34/EU) und branchenspezifische Anforderungen wie GMP (Good Manufacturing Practice) in der Pharmaindustrie schreiben Genehmigungsverfahren verbindlich vor. Ein fehlender oder fehlerhafter Erlaubnisschein kann bei Unfällen zur strafrechtlichen Haftung führen.

Warum Papier in der Praxis immer öfter versagt

Das papierbasierte Erlaubnisscheinverfahren hat strukturelle Schwachstellen, die im Betrieb täglich sichtbar werden – auch wenn jeder Einzelschritt korrekt durchgeführt wird.

Problem Auswirkung im Betrieb Risikostufe
Unleserliche Handschrift, fehlende Felder Freigabe formal ungültig, Nacharbeitsaufwand, Zeitverlust Hoch
Physische Unterschrift nicht verfügbar (Urlaubsvertretung, Nachtschicht) Arbeit verzögert oder ohne korrekte Genehmigung gestartet Hoch
Papierdokument geht verloren oder wird beschädigt Fehlende Dokumentation bei Behördenprüfungen, GxP-Abweichung Hoch
Kein Überblick über aktive Freigaben im Betrieb Doppelfreigaben, übersehene Parallelarbeiten, Kollisionen Hoch
Ablage im Büro, Techniker auf dem Feld Techniker kennt Bedingungen der Freigabe nicht vollständig Mittel
Nachträgliche Änderungen nicht nachvollziehbar Kein Audit Trail, keine Versionshistorie, keine Beweissicherung Hoch

Der entscheidende Punkt ist nicht, dass Papier per se unsicher ist. Das Problem ist, dass Papier keine Validierung ermöglicht – ein Schein kann ausgefüllt werden, ohne dass geprüft wird, ob alle Voraussetzungen tatsächlich erfüllt sind.

Wie der digitale Freigabeprozess funktioniert – Schritt für Schritt

Das folgende Prozessmodell zeigt, wie ein vollständig digitalisierter Erlaubnisschein-Workflow aufgebaut ist. Jeder Schritt enthält einen direkten Vergleich mit dem papierbasierten Pendant.

Digitaler Freigabeprozess in 6 Schritten Navigieren Sie durch den Ablauf
SCHRITT 1

Antragsstellung

Der Ausführende erstellt den Erlaubnisschein digital – auf Tablet, Laptop oder Smartphone. Das System erzwingt vollständige Pflichtfelder. Der Antragstyp (Heißarbeit, Kaltarbeit, enge Räume) steuert automatisch, welche Zusatzfelder erscheinen.

Papierbasiert

Formular ausdrucken, handschriftlich ausfüllen, physisch zum Verantwortlichen tragen. Bei Fehler: neues Formular.

Digital mit mularis Freigabeschein

Mobiles Formular mit Pflichtfeldvalidierung. Standort, Datum, Uhrzeit automatisch gesetzt. Keine unleserlichen Angaben möglich.

SCHRITT 2

Sicherheitsprüfung

Das System prüft automatisch, ob konflikthafte Freigaben existieren – Parallelarbeiten in derselben Zone oder überlappende ATEX-Bereiche. Der Sicherheitsbeauftragte erhält eine strukturierte Checkliste mit allen normenkonformen Prüfpunkten. Jede Prüfung wird mit Zeitstempel und Nutzer-ID protokolliert.

Papierbasiert

Manuelle Prüfung ohne systemseitigen Abgleich mit anderen aktiven Scheinen. Kollisionen werden oft erst auf dem Feld entdeckt.

Digital mit mularis Freigabeschein

Automatischer Abgleich aller aktiven Freigaben nach Ort und Zeit. Konflikte werden vor der Genehmigung sichtbar – nicht danach.

SCHRITT 3

Digitale Freigabe

Der Verantwortliche genehmigt per digitaler Signatur – konform mit der eIDAS-Verordnung. In regulierten Branchen erfüllt dies die Anforderungen von FDA 21 CFR Part 11 und GAMP 5. Die Freigabe kann von überall erfolgen – ohne physische Anwesenheit.

Papierbasiert

Handunterschrift erforderlich. Bei Urlaubsvertretung oder Nachtschicht: Verzögerungen oder Übergehen der Signaturpflicht.

Digital mit mularis Freigabeschein

Digitale Signatur von jedem Endgerät. Vertretungsregelungen hinterlegt. Automatische Benachrichtigung der nächsten Genehmigungsebene.

SCHRITT 4

Ausführung & Live-Überwachung

Der Techniker sieht den freigegebenen Schein auf seinem Gerät – inklusive aller Auflagen, Schutzmaßnahmen und der genauen Gültigkeitsdauer. Der Betriebsverantwortliche sieht in Echtzeit, welche Arbeiten wo aktiv sind. Nähert sich der Ablaufzeitpunkt, erhalten beide Seiten automatisch eine Benachrichtigung.

Papierbasiert

Schein liegt im Büro oder in der Tasche des Technikers. Betriebsleitung hat keinen Echtzeit-Überblick über aktive Arbeiten.

Digital mit mularis Freigabeschein

Live-Dashboard aller aktiven Scheine. Automatische Ablauferinnerungen. Keine unkontrollierten Verlängerungen.

SCHRITT 5

Arbeitsabschluss & Rückmeldung

Nach Abschluss bestätigt der Techniker digital, dass der Arbeitsbereich sicher übergeben wurde. Abweichungen und Beobachtungen werden direkt dokumentiert – mit Foto-Anhang wenn nötig. Erst nach dieser Rückmeldung gilt der Schein als vollständig abgeschlossen.

Papierbasiert

Schein wird physisch zurückgegeben – oder bleibt vergessen. Mündliche Rückmeldung, die nicht dokumentiert ist.

Digital mit mularis Freigabeschein

Rückmeldung digital, mit Zeitstempel und Benutzerkennung. Offene Scheine bleiben im System sichtbar – bis zur expliziten Abschlussbestätigung.

SCHRITT 6

Lückenlose Archivierung & Audit Trail

Jede Aktion am Freigabeschein – Antrag, Prüfung, Signatur, Änderung, Abschluss – wird unveränderlich protokolliert. Bei Behördenprüfungen, internen Audits oder im Schadensfall steht die vollständige Dokumentation sofort zur Verfügung – ohne Suche in Aktenordnern.

Papierbasiert

Schein im Ordner abgelegt. Suche nach alten Scheinen zeitaufwendig. Nachträgliche Änderungen nicht erkennbar.

Digital mit mularis Freigabeschein

Volltext-durchsuchbares Archiv. Jede Änderung versioniert. GxP-konforme Langzeitarchivierung. Export auf Knopfdruck.

Schritt 1 von 6

Compliance-Anforderungen: Was das System leisten muss

Ein digitaler Freigabeprozess ist nur dann rechtskonform, wenn die Softwarelösung die relevanten Normen technisch abbildet. Diese Anforderungen sind je nach Branche unterschiedlich – aber grundsätzlich streng.

⚠️

ATEX (2014/34/EU)

Freigabescheine für explosionsgefährdete Bereiche müssen Zoneneinstufung, Zündschutzmaßnahmen und Arbeitsverbote abbilden. Das System muss zonenspezifische Vorlagen erzwingen.

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GxP / FDA 21 CFR Part 11

In der Pharmaindustrie müssen elektronische Aufzeichnungen über Audit Trails, Zugriffskontrollen und qualifizierte Signaturen verfügen. mularis erfüllt dies durch das eingebettete Audit-Trail-Modul.

🔒

BetrSichV / DGUV

Die Betriebssicherheitsverordnung verlangt dokumentierte Freigabeverfahren für gefährliche Tätigkeiten. Die Nachweispflicht gegenüber BG und Behörden wird durch das digitale Archiv erfüllt.

🏗️

SIL (IEC 61511)

Arbeiten an sicherheitsinstrumentierten Systemen erfordern besondere Freigabeprozesse. Das System kann SIL-Level hinterlegen und die Freigabe an eine SIL-qualifizierte Genehmigungsebene koppeln.

📋

ISO 45001

Das Managementsystem für Arbeitssicherheit fordert eine dokumentierte Risikobeurteilung vor gefährlichen Tätigkeiten. Der digitale Schein bildet diesen Prozess strukturiert ab.

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eIDAS (EU 910/2014)

Elektronische Signaturen in Erlaubnisscheinen müssen mindestens als fortgeschrittene elektronische Signatur ausgeführt sein. Für regulierte Branchen ist die qualifizierte elektronische Signatur empfohlen.

Wichtig in der Praxis: Ein digitales System allein genügt nicht. Entscheidend ist, ob es für die jeweilige Branche validiert wurde. In der Pharmaindustrie bedeutet das eine IQ/OQ/PQ-Validierung (Installation, Operational, Performance Qualification) der Software.

mularis Freigabeschein: Der Baustein für digitale Erlaubnisscheine

mularis ist eine modulare Prozessplattform der cts Group. Der Baustein Freigabeschein(electronic Permit to Work) bildet den Kern des digitalen Freigabemanagements. Er lässt sich mit weiteren mularis-Modulen kombinieren, die in der Prozessindustrie häufig zusammen benötigt werden.

KERNMODUL

Digitale Freigabescheine

Konfigurierbare Scheintypen für Heiß-, Kalt-, Befahrarbeiten und Sonderfreigaben. Digitale Signaturen, Pflichtfeldvalidierung, Konflikterkennung, automatische Ablaufüberwachung und vollständiger Audit Trail.

ERGÄNZUNGSMODUL

Digitales Schichtbuch

Schichtübergaben und Störungsmeldungen können direkt mit den Freigabescheinen verknüpft werden. Jeder Schichtleiter sieht den vollständigen Kontext der laufenden Freigaben.

QUALIFIKATION

Schulungen & Qualifikationsmanagement

Das System ist in der Lage vor der Freigabe zu prüfen, ob der ausführende Techniker die erforderlichen Qualifikationen besitzt. ATEX-Schulungen und SIL-Zertifizierungen können so automatisch abgeglichen werden.

INTEGRATION

SAP / MES – Systemanbindung

Es gibt die Möglichkeit, mularis in bestehende ERP- und MES-Systeme zu integrieren. Wartungsaufträge aus SAP PM könnten so einen Freigabescheinantrag auslösen – ohne manuelle Übertragung.

Einführung in der Praxis: Was erfahrungsgemäß funktioniert

Akzeptanz auf dem Feld: Techniker, die seit zwanzig Jahren mit Papier arbeiten, müssen überzeugt werden – nicht angewiesen. Das gelingt am besten, wenn das digitale System den Arbeitsalltag tatsächlich einfacher macht: keine Suche nach Formularen, alle Informationen auf dem eigenen Gerät.

Geräteverfügbarkeit in ATEX-Zonen: In explosionsgefährdeten Bereichen dürfen nicht alle Endgeräte eingesetzt werden. mularis unterstützt ATEX-zertifizierte Tablets und Smartphones der Zonen 1 und 2. Alternativ kann die Eingabe vor dem Betreten der Zone abgeschlossen werden.

Erfahrungswert aus der Praxis: In einem typischen Einführungsprojekt werden zunächst ein bis zwei Scheintypen digitalisiert – etwa Heißarbeiten und Befahrarbeiten. Erst wenn die Belegschaft das System akzeptiert, werden weitere Scheintypen und Integrationen aktiviert. Dieser schrittweise Ansatz reduziert Widerstände und ermöglicht frühzeitiges Feedback aus dem Betrieb.

Was Unternehmen konkret erreichen

Genehmigungszeiten sinken, weil keine physischen Wege mehr notwendig sind. Compliance-Risiken sinken, weil das System keine unvollständigen Scheine durchlässt. Audits werden kürzer, weil die Dokumentation vollständig, durchsuchbar und jederzeit verfügbar ist. Und Unfälle durch übersehene Parallelarbeiten werden durch den systemseitigen Abgleich aktiver Freigaben strukturell verhindert.

Für Betriebe unter GxP-Anforderungen oder regelmäßigen Behördenprüfungen ist der Wechsel auf ein validiertes digitales System außerdem eine direkte Risikominimierung: Nicht mehr die Qualität handschriftlicher Dokumentation entscheidet bei einem Inspektorenbesuch – sondern ein System, das Vollständigkeit strukturell erzwingt.


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